Der beste Lehrmeister meines Lebens hatte vier Hufe
Manche Lehrmeister kommen nicht aus Büchern.
Manche stehen auf vier Beinen.
Mein wichtigster Lehrer hieß Gino – und hat mich mehr über Führung, Präsenz und Haltung gelehrt als jeder Mensch.
Die erste Begegnung
Gino galoppierte selbstbewusst neben seiner Mutter, und dann stand er mitten auf der Weide still. Wunderschön, aufrecht und stolz in seinem jungen Körper. Ich wusste: Den oder keinen. Er hat mir imponiert mit seinem gesamten Wesen, seiner Selbstverständlichkeit und der Eleganz in seinem Körper. Schon damals unendlich kraftvoll und beeindruckend.
Das war vor 33 Jahren. Seitdem sind wir unseren Weg zusammen gegangen. Bis er 2024 im Alter von 31 Jahren von uns gehen musste. Gino war einer der großartigsten und wichtigsten Lehrmeister in meinem Leben. Niemals wankend, niemals unecht, niemals untreu.
Mit sechs Monaten habe ich ihn gekauft und nicht einen Tag davon – entgegen aller Vorhersagen meiner Mitmenschen – bereut.
Ein unbestechliches Wesen an meiner Seite
Es war sehr herausfordernd, schwierig und trotzdem so erfüllend und schön, dieses innerlich „große“ Tier an meiner Seite zu wissen. Ich musste lernen klar zu sein, sehr deutlich, innerlich stark. Und wie oft habe ich das in den ersten Jahren nicht geschafft. Es waren Lehrjahre, keine Herrenjahre und wir haben viel gemeinsam gelernt und gelebt. Ich habe ihn überall mit hingenommen, wenn ich mich örtlich verändern musste.
Er hat einige Ställe und Pferde kennengelernt, und immer war er nach spätestens drei Wochen der Chef.
Er war nicht immer nett, oft war Gino als junge Führungskraft zu deutlich, zu grob. Er war klar in der Ansage und sehr durchsetzungsstark. Zu Anfang ging er manchmal zu weit. Doch auch Pferde lernen sich zu regulieren. Und alles wurde schließlich besser, als wir die beste Haltungsform für ihn gefunden hatten: hier bei uns auf dem Hof.
Ein Zuhause für die Pferde
Hier konnte ich es den Pferden endlich so recht machen, wie es ihrer Natur am nächsten kommt. Wir bauten einen Aktivstall mit viel Laufflächen, Paddocktrails und großzügigen Offenställen. Ich liebe es, und Gino wurde hier auch glücklich.
Unsere Herde war, bis auf winzige Ausnahmen – je nach Pferden, die dabei waren –, harmonisch, ausgeglichen und ruhig. Wir konnten hier auf dem Hof hautnah die Hierarchie der Pferde beobachten und lernen.
Führung
Gino war der geborene Führer. Genau wie ich es bin. Wir verstanden uns blind.
Ich habe ihn geritten, als ich schwanger war, oder nach langen Pausen direkt wieder ohne Sattel und nur mit Halfter. Ich habe ihm in allen Situationen mein Leben anvertraut – und er wusste das.
Von ihm durfte ich noch sehr viel über Führung lernen. Damit die Herde ihm unterstand, brauchte es nicht viel. Ein deutlicher Körperausdruck zu Beginn, später nur noch eine Ohrenbewegung – mehr nicht. Höchster Respekt garantiert.
Und das nicht aufgrund von Angst, sondern weil er Sicherheit gab. Alle wussten, sie konnten sich auf ihn verlassen. Absolut. Immer. Überall. Da gab es keine Ausnahmen, kein Vielleicht oder „aber nur, wenn du…“.
Er war kompromisslos ehrlich und hat sich ganz gegeben. Das schaffe ich noch nicht zu hundert Prozent in allen Lebensbereichen, aber ich bin auf einem guten Weg.
Präsenz
Sobald man den Stallbereich betrat, konnte man seine Präsenz spüren. Da musste man sich zweimal überlegen, in welcher Stimmung man zu den Pferden ging.
Meine Kinder mussten dadurch sehr früh lernen, Haltung zu bewahren – innen wie außen. Heute gehen sie alle aufrecht durchs Leben. Daran haben die Pferde einen nicht unerheblichen Anteil.
Denn einen guten Führer in der Herde zu haben bedeutet Überleben. Sicherheit, Futter, Wasser, Leben. Da kann man sich kein Wanken, kein Vielleicht-morgen leisten.
Das Zauberwort heißt: Jetzt
In der Pferdewelt ist JETZT das Zauberwort.
Sie sind die verkörperte Präsenz mit Verbindung zu Körper und Seele. Unfassbar sensibel in der Wahrnehmung und trotzdem körperlich so stark, kraftvoll, dynamisch und elegant.
Unbestechliche Lehrmeister
Aus diesem Grund arbeite ich gerne mit Menschen und Pferden zusammen. Weil es die unbestechlichsten, direktesten und dabei so charmante Lehrmeister sind.
Sie wollen nicht gefallen oder etwas auf bessere Zeiten verschieben. Sie zeigen es dir jetzt: ungeschminkt, klar und kompromisslos, wo deine Schwachstellen liegen.
Beste Voraussetzungen, diese dann zu deinen Stärken zu transformieren.
Danke Gino
Mit Gino hat hier alles begonnen. Nur seinetwegen habe ich diesen Hof gekauft.
Und vieles von dem, was ich heute weitergebe, habe ich zuerst von ihm gelernt.
Danke dir.
Ich vermisse dich und bin gleichzeitig unendlich dankbar, dieses stolze Tier an meiner Seite gehabt zu haben.
Als Freund.